Corona-Hilfeschrei aus Bayerns Schulen

„Lehrkräfte wie Schulleitungen am Limit“- Lehrerverband widerspricht Kultusminister: „Politische Show“

Schule während der Corona-Zeit: Die Probleme häufen sich
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Schule während der Corona-Zeit: Die Probleme häufen sich.

Corona, Personalmangel, motzige Eltern – Lehrer an Grund- und Mittelschulen in Bayern berichten drei Wochen nach Schulbeginn über eine Vielzahl von Problemen. Der Frust ist groß.

  • Die Regeln im Zuge der Corona-Maßnahmen stellen viele Schulen in Bayern vor Probleme.
  • Lehrkräfte klagen über die zusätzliche Belastung, greifen zu Medikamenten - und zweifeln an der Berechtigung.
  • Dazu kommt ein weiteres Problem: An den Grund- und Mittelschulen herrscht Personalmangel.

Update vom 1. Oktober: „Im Moment sehen wir uns vielfach am Rande oder Ende unserer Kräfte und erfahren keine Unterstützung unseres obersten Dienstherrn“ – so steht es in einem Brief, den die Vorsitzende eines Personalrats in einem Landkreis in Oberbayern an den Hauptpersonalrat im Kultusministerium geschrieben hat (siehe Erstmeldung). „Bereits jetzt, in der dritten Schulwoche, sind Lehrkräfte wie Schulleitungen am Limit“, heißt es in dem Brief weiter.

Nun hat der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) das Kultusministerium ebenfalls kritisiert - mit harschen Worten. Der Verband widerspreche „mit aller Entschiedenheit“ der Einschätzung von Kultusminister Michael Piazolo, die meisten Schulen seien gut in das neue Schuljahr gestartet, hieß es am Donnerstag in München. BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann will demnach auf einer Pressekonferenz in der kommenden Woche „mit der politischen Show und dem gern gewahrten Schein“ aufräumen.

„An den Schulen herrscht völliger Notbetrieb. Die Schulleitungen und Lehrkräfte in Bayern sind jetzt schon völlig überlastet. Vieles an den Schulen ist nicht mehr leistbar“, betonte der BLLV. „Das hat natürlich auch mit der Pandemie zu tun. Das eigentliche Kernproblem wird aber oft vergessen: der gravierende Lehrermangel.“

Corona-Hilfeschrei aus Bayerns Schulen: „Lehrkräfte wie Schulleitungen am Limit“

Erstmeldung vom 30. September: München – „Im Moment sehen wir uns vielfach am Rande oder Ende unserer Kräfte und erfahren keine Unterstützung unseres obersten Dienstherrn“ – so steht es in einem Brief, den die Vorsitzende eines Personalrats in einem Landkreis in Oberbayern an den Hauptpersonalrat im Kultusministerium geschrieben hat. Das vierseitige Schreiben liegt unserer Zeitung vor. Es illustriert, mit welchen Problemen die Lehrer an Grund- und Mittelschulen derzeit zu kämpfen haben. „Bereits jetzt, in der dritten Schulwoche, sind Lehrkräfte wie Schulleitungen am Limit“, klagt die Personalrätin. Sie berichtet, dass Lehrer Medikamente nehmen, um mit den „derzeitigen Belastungen“ klar zu kommen.

Vor allem mehrere Corona-Regeln* werfen aus Sicht der Lehrer Fragen auf. So wurden im Vertretungsfall bisher die Kinder* einer Klasse oft auf mehrere andere aufgeteilt. Das sei nun verboten. Aber wie solle man sonst die Betreuung sicherstellen, fragt die Lehrerin. Der Sinn der Trennung sei ohnehin fraglich, da sich die Schüler im Hort, im Privaten und auf dem Schulweg „durchmischen“ und alle Bemühungen um Abstandshaltung „konterkariert“ werden.

Corona-Regeln an Schulen in Bayern: Regelmäßiges Lüften bei niedrigen Temperaturen?

Ebenfalls ungeklärt: das Lüftungskonzept für die Wintermonate. Fünf bis zehn Minuten Querlüften kühle die Räume stark aus, das sei „unzumutbar“, klagt die Lehrerin. Sorgen gebe es, falls die Infektionszahlen wieder hochschnellen und die Klassen zum Teil Homeschooling machen müssen. Wer solle denn den Distanzunterricht geben, „wenn die Lehrkraft im Präsenzunterricht tätig ist?“ Und sie warnt schon mal: Eine Notbetreuung in den Ferien sei „keinesfalls leistbar“. Allerdings fürchte sie, dabei auf wenig Verständnis zu stoßen. Für Lehrer sei das eine Extrembelastung, da sie „der permanenten Kontrolle durch Eltern ausgesetzt sind“.

Für den Hauptpersonalrat im Kultusministerium, Gerd Nitschke, sind solche Klagen keine Überraschung. „Es häufen sich Meldungen von Lehrern, die einfach nicht mehr können“, berichtet er. Es gebe zahlreiche Ungereimtheiten. So sollen Mittelschüler in Berufsorientierungscamps fahren, obwohl Schulfreizeiten während der Corona-Pandemie* untersagt sind. Derzeit werden die eingehenden Schreiben ausgewertet, noch vor den Herbstferien will Nitschke die Probleme im Ministerium ansprechen.

Auch der Personalmangel an den Grund- und Mittelschulen kommt in dem Brief zur Sprache. Seit Jahren kämpft das Kultusministerium mit Engpässen bei der Lehrerversorgung. Zuletzt fehlten 1400 Personen. Das schlägt langsam auch auf die Schulamts-Bezirke durch. So bestätigt das Schulamt Erding „Lücken“ in der Lehrerversorgung. Dort gibt es 20 Vollzeit- und 15 Teilzeit-Kräfte als Mobile Reserve, das heißt als „Springer“, wenn irgendwo im Landkreis ein Lehrer krank wird. 17 der Lehrer seien schon verplant, zehn davon pandemiebedingt. In einer Schule war die Not so groß, dass erwogen wurde, alle zweiten Klassen zusammenzufassen und sie durch einen Lehrer mit Mikro in der Turnhalle zu unterrichten. Dazu kam es dann doch nicht.

Schulen an der Corona-Belastungsgrenze: Maßnahme des Ministeriums entspannt die Lage

Eine Erleichterung ist der Einsatz von Teamlehrern – aber nur eine kleine. Seit Schulbeginn erlaubt das Ministerium den Einsatz von Aushilfen in der Klasse, die nur ein Hochschulstudium absolviert haben müssen, jedoch kein Lehramtsstudium. Sie sollen dort unterrichten, wo ein Lehrer wegen Corona zuhause bleiben muss, jedoch nach wie vor eine Dienstverpflichtung hat. Dann managt dieser die Klasse mit dem Teamlehrer von daheim. Im Schulamt Fürstenfeldbruck konnten fünf derartige Aushilfen gewonnen werden, berichtet die Schulrätin Bettina Betz. Darunter sind eine Anwältin und ein Physiker, beide unterrichten jetzt eine Mittelschulklasse. Der Aufwand sei beachtlich, sagt Betz. „Wir führen laufend Bewerbungsgespräche“, manche wollen nur Teilzeit, andere springen wieder ab.

Im Brief der Personalrätin aus Oberbayern werden die Teamlehrer als keine Hilfe eingeschätzt. Sie seien ungelernt und müssten betreut werden. Sie fordere, den Personalmangel und die „in Bälde zu erwartenden Einschränkungen bei der Beschulung der Kinder“ stattdessen „ehrlich in der Öffentlichkeit zu kommunizieren“. (DW/HAM/MÜL)

Ai Weiwei spricht bei „Markus Lanz“ über Corona-Strategien - „In China lacht man über europäische Staaten“*Merkur.de ist ein Angebot des Ippen Digital Netzwerks

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