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Weltfrauentag 2022: Drei Generationen berichten von ihrem Beruf - und davon, wie es ist, anzuecken

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Von: Cornelia Schramm

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Auf dem Bau macht ihr niemand etwas vor: Julia Obermaier ist Maurer- und Betonbauermeisterin.
Auf dem Bau macht ihr niemand etwas vor: Julia Obermaier (23) aus Forstern ist Maurer- und Betonbauermeisterin. © Marcus Schlaf

Eine Maurerin, eine Richterin und eine Verbandchefin verbindet erstmal nicht viel. In ihrem Beruf hatten sie alle aber schon mit Vorurteilen zu kämpfen - weil sie Frauen sind. Zum Weltfrauentag berichten drei Generationen von Frauen von ihren Erfahrungen und Wünschen.

Forstern/München - Etwas vormachen kann Julia Obermaier auf dem Bau niemand mehr. Von der Pike auf hat sie gelernt, Stein auf Stein zu setzen und Fundamente zu gießen. „Wenn du Architektin werden willst, solltest du vorher die Maurerausbildung machen“, hat ihr Vater ihr geraten. Eine absolute Männerdomäne, aber Obermaier zögerte nicht und arbeitete fünf Jahre lang auf dem Bau. „Ich musste mir neue T-Shirts kaufen, weil ich so viel Muskeln aufgebaut habe“, erzählt die heute 23-Jährige und lacht. „Und nach der Arbeit shampooniert man sich am besten zweimal ein, um den Dreck abzukriegen.“

Was sie da erwartete, wusste sie ganz genau. „Da mein Papa Bauunternehmer ist, waren mein Bruder und ich von klein auf auf Baustellen mit dabei“, sagt sie. 2018 war die Forsternerin dann die erste Maurer-Gesellin im Kreis Erding – seit über 20 Jahren. „In der Meisterschule war ich auch die einzige Frau.“ Nur alle paar Jahre komme es vor, dass hier eine Frau die Schulbank drückt.

Julia Obermaier studiert jetzt Architektur - davor hat sie fünf Jahre auf dem Bau gearbeitet

Jetzt studiert Obermaier in München Architektur – für sie der absolute Traumberuf. „Dass ich vorher den Maurermeister gemacht habe, bereue ich überhaupt nicht. Das ist viel wert, da ich jetzt beide Seiten kenne“, sagt sie und lacht. „Mauerer und Architekten sind sich ja oft nicht grün.“

Ihre 50 Kilogramm standen Julia Obermaier nie im Weg. „Es gibt Hebebühnen und Kräne, so können Frauen die Arbeit auf dem Bau genauso gut bewältigen wie Männer“, erklärt sie. Für das Drum-Herum brauche man ein dickes Fell. „Hod dei Papa koan Bua ned macha kenna?“, wurde Obermaier einmal bei der Arbeit gefragt. „Das tat weh“, sagt sie. „Aber so blöde Kommentare stehen doch für Schwäche.“ Ihre Reaktion: Tief durchatmen und schlagfertig kontern.

Vor kurzem ist Obermaier aber dann doch mal die Hutschnur gerissen, als sie mit dem Lastwagen Ziegel abgeholt hat. „Wie ist das so als Frau?“, hat sie jemand gefragt. „Könnt ihr das technisch richtig einschätzen?“ Da gab’s nicht nur einen Anschiss von Obermaier selbst, sondern auch von ihrer Mutter auf dem Beifahrersitz, die selbst den Lkw-Führerschein hat. „Wir waren echt sauer – wir leben doch im Jahr 2022.“

Richterin Hildegund Holzheid: „Wir sollten klare Forderungen stellen anstatt zu jammern.“

Dass das kein Kompliment war, wurde Hildegund Holzheid erst später bewusst. „Mit Ihnen wollen wir das Experiment wagen, bisher haben wir Frauen vor dem Allgemeinen Strafgericht ja noch verschont“, sagte der Münchner Amtsgerichtspräsident, als er sie 1965 zur ersten Strafrichterin für Erwachsene ernannte. Zuvor gab es die – wenn überhaupt – nur am Jugendgericht.

„Heute, da jeder zweite Strafrichter eine Strafrichterin ist, finde ich die Aussage unfassbar“, sagt die 85-Jährige. „Damals stand ich da aber in meinem schwarzen Kostüm und nahm es brav zur Kenntnis, dass er es mit mir einmal ausprobieren wollte.“ Drei Jahre hatte Holzheid damals schon als Staatsanwältin in München gearbeitet. Davor studierte sie Rechtswissenschaften in Erlangen, als nur eine von zwei Frauen. Dem Frauenbild der 1950er-Jahre, dem Heimchen am Herd, trotzte Holzheid ganz unbewusst. „Für meine Eltern war klar, dass jedes ihrer drei Kinder studieren durfte, was es wollte.“ Dafür ist sie heute noch dankbar.

Hildegund Holzheid hat Frauen immer motiviert.
Hildegund Holzheid (85) hat Frauen immer motiviert. © Privat

Aus vielen Gründen könnten die Holzheids heute stolz auf ihre Tochter sein – viele Positionen hat sie als erste Frau bekleidet. Von 1992 bis 2001 war Holzheid sowohl Präsidentin des Oberlandesgerichts München als auch des Bayerischen Verfassungsgerichtshofes. „Seit der Uni war ich es gewohnt, mit Männern zu arbeiten“, erzählt sie. „Diskriminiert fühlte ich mich nie, aber oft wurde ich für die Protokollführerin oder Sekretärin gehalten.“

Es dauerte bis Holzheid frauenpolitisch wach wurde. „Heute würde ich mich als Feministin bezeichnen, wenn dieses Wort nicht so negativ besetzt wäre.“ Die verniedlichte Anrede Fräulein ging ihr immer gegen den Strich. Die Fahne der Frauen hat Holzheid versucht hochzuhalten, indem sie auch andere Frauen motiviert hat, sich auf Führungspositionen zu bewerben. „Man hatte uns oft nicht auf dem Schirm“, sagt sie. „Gleichberechtigung bedeutet nicht Weiberherrschaft, aber doch gemischte Teams.“ Als Holzheid 2001 in den Ruhestand ging, folgte ihr eine Frau nach. „Sie war einfach die beste Wahl.“

Bestimmter zu werden, noch mehr für sich einzutreten und gegenseitige Unterstützung – das wünscht sich Holzheid von den Frauen von heute. „Wir zweifeln zu viel an uns und unseren Fähigkeiten“, sagt sie. „Wir sollten klare Forderungen stellen, statt zu jammern.“

Vdk-Präsidentin Verena Bentele: „Als Frau braucht man in Politik und Wirtschaft eine harte Schale“

Brauchen wir den Weltfrauentag echt? „Ja“, da ist Verena Bentele sicher. „Er schärft unser Bewusstsein für Probleme und inspiriert uns, die Perspektive zu ändern.“ Ihre eigene hat Bentele schon oft geändert. Als blinde Biathletin und Skilangläuferin gewann sie allein bei den Winter-Paralympics 2010 fünf Goldmedaillen. Von der Loipe ging es in die Politik. Bis 2018 war sie Bundesbehindertenbeauftragte. Jetzt leitet sie als Präsidentin den größten deutschen Sozialverband VdK.

„Jede Aufgabe bringt neue Herausforderungen“, erzählt die 40-Jährige. „Aber der Sport war eine gute Schule: Fleißig trainieren und sich in seiner Position behaupten, das gilt ja auch für den Job.“ Eine harte Schale und Durchsetzungsvermögen brauche es als Frau in Politik und Wirtschaft. „Ich will nicht als Mega-Emanze rüberkommen, aber es stimmt, dass Frauen noch immer härter arbeiten müssen“, sagt Bentele. „Es hilft aber nichts, sich nur zu beklagen. Es wird nicht mehr Führungspositionen geben, damit Frauen auch mal mitspielen dürfen. Die Folge ist, dass dort weniger Männer tätig sein werden.“

Für Verena Bentele beginnt Gleichberechtigung daheim.
Für Verena Bentele (40) beginnt Gleichberechtigung daheim. © VdK/Susie Knoll

Der Blickwinkel aller muss sich weiter ändern – und das in der Arbeitswelt und privat: „Erziehung und Pflege müssen alle angehen“, sagt Bentele. „Eine Familie ist eine Gemeinschaft, die sich Verantwortung teilt – hier beginnt Gleichberechtigung.“ Die Erwerbsquote der Frauen lässt sich nur erhöhen, wenn auch Männer bereit sind, eine Zeit Kinder und Angehörige zu betreuen. Das bedeute Chancengleichheit, so Bentele. Und das fordern Frauen noch immer viel zu selten – auch daheim. Die Quote könnte das beschleunigen. „Alle, die dann sagen, Frauen sind nur wegen der Quote da, wo sie sind, kann ich beruhigen. Viele Männer sind nur dank guter Kontakte da, wo sie sind.“

In einem Punkt stimmen alle drei Frauen überein: Nicht ständig zurückstecken, aktiv für Ziele einstehen, Netzwerke spinnen und sich gegenseitig bestärken – nur so verändert die Gesellschaft ihren Blickwinkel weiterhin. (sco)

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