1. hallo-muenchen-de
  2. Bayern

Interview mit Kabarettistin Eva Karl Faltermeier: „Grant kommt direkt aus dem Bauch“ - und wird unterschätzt

Erstellt:

Von: Cornelia Schramm

Kommentare

Weiblicher Grant ist prächtig, sagt Eva Karl Faltermeier. Daher grantelt die Kabarettistin nicht nur am Stammtisch und auf der Bühne – sondern auch im Alltag.
Weiblicher Grant ist prächtig, sagt Eva Karl Faltermeier. Daher grantelt die Kabarettistin nicht nur am Stammtisch und auf der Bühne – sondern auch im Alltag. © Florian Hammerich

Der Start ihrer Bühnenkarriere fiel auf den 1. April 2020. Mitten in die Pandemie. Ein Grund, grantig zu sein? Ja. Aber Grant hilft beim Verarbeiten, sagt Kabarettistin Eva Karl Faltermeier - und schwört auf ihn.

Vor allem der weibliche Grant ist prächtig, findet Eva Karl Faltermeier. Daher grantelt die Kabarettistin nicht nur am Stammtisch und auf der Bühne – sondern auch im Alltag. Vor Kurzem erhielt die Oberpfälzerin als „Senkrechtstarter“ den Bayerischen Kabarettpreis. Nun gibt die 38-jährige auch in ihrem neuen Buch „Der Grant der Frau“ tiefe Einblicke in ihr Dasein als Grantlerin. Wie er sich äußert - und wann es gefährlich wird, erklärt sie im Interview.

Guten Morgen, Frau Faltermeier. Sans no recht miad heid?

Ja, wia fast immer. (lacht)

Ist Müdigkeit ein guter Grund, grantig zu sein?

Auf jeden Fall. Auch Müdigkeit im Sinne von Sturheit, nichts verändern zu wollen. „Des ham mia scho imma so gmacht“ ist so ein Satz, der mich grantig macht.

Und was noch?

Die Parkplatzsuche, der Job – oder wenn im Kindergarten meines Sohnes andere Mütter wieder siebengscheit daherreden. Am ungrantigsten bin ich bei der Gartenarbeit auf meinem Hof. Das liegt wohl daran, dass es da nicht so menschelt. (lacht) Aber wo Menschen sind, da knirscht es. Und das ist ja auch der Stoff, aus dem meine Geschichten entstehen.

Zum Beispiel ein Buch über den Grant der Frau?

Der weibliche Grant ist komplizierter als der männliche und eines fällt auf: Die Gesellschaft akzeptiert grantelnde Frauen weniger als grantelnde Männer. Sie werden verniedlicht, sind mit dem falschen Fuß aufgestanden oder haben einen schlechten Tag. Egal wie er schimpft – er darf grantig sein. Sie aber nicht.

Bissgurke, Zwiderwurzen oder schlimmer - das müssen Grantlerinnen sich gefallen lassen

Wie wird eine Grantlerin schlimmstenfalls genannt?

Bissgurke, Zwiderwurzen oder es heißt: Bei der muasd aufpassen, a ganz Scharfe mit Haaren auf den Zähnen. Ihr Mann hat dahoam wohl gar nix zu melden.

Was tun Sie dagegen?

Das Problem gibt es ja auch im Kabarett. Männer, die granteln, sind lustig – Frauen nicht. Und in Bayern ist diese Meinung noch sehr verbreitet. Diese Stereotype will ich aufbrechen. Frauen müssen nicht immer nur freundlich sein und lächeln.

Den Satz „Lach doch mal!“ hören Sie nicht gern, oder?

Ich finde ihn übergriffig und er ärgert mich, weil Männer ihn nie zu hören kriegen. Leben und leben lassen, oder? Mei Tochter konn a scho gscheid bläd schaung. (lacht) Ich lasse das aber einfach unkommentiert oder frage halt, was sie bedrückt.

Wie reagieren Sie sonst?

Jeder trägt die Kleidung, die er mag. Und jeder schaut so wie er schaut. Wenn ich den Satz höre, schaue ich einfach grantig. Oft sage ich auch: Wie soll ich denn lachen, wenn du vor mir stehst? (lacht)

Eva Karl Faltermeier sitzt an einem Tisch in einer Bar.
„Lach doch mal!“ - ein Spruch, der laut Eva Karl Faltermeier so gar nicht mehr geht. © Ingo Pertramer

Wer ist der größte Grantler, den Sie kennen?

Mein Vater ist beim Granteln sehr schweigsam. Ich auch. Wenn ich ganz ruhig bin, wird es gefährlich. Mein Opa hingegen konnte virtuos schimpfen. Am Stammtisch und uns Kinder. „Du aufgestellter Mausdreck, bist ma ned zu kloa!“, hat er gesagt. Von beiden habe ich mir etwas abgeschaut.

Ist Grant auch Schutz?

Ja, Grant hat nichts mit Wut zu tun. Wer grantig ist, regt sich selbst am meisten auf. Das ist Verarbeitung. Wer mir saubläd direkt in mein Grant neilafft, kriegt ihn zu spüren. Danach bin ich versöhnlich und es geht mir besser.

Haben Sie ein Beispiel?

Es gibt Tage, an denen mich eine Mail von der Lehrerin meiner Tochter echt aufregen kann. In der Küche philosophiere ich dann darüber, wos des jetzt wieda für a Schmarrn is. Meine Kinder amüsiert das. Nach dem Granteln kann ich mit ihnen lachen. Gegen die Lehrerin habe ich im Übrigen ja gar nichts. Wirklich nicht. Es geht nur ums Abreagieren.

Grant oder Gezicke? Eva Karl Faltermeier kennt den Unterschied

Was triggert Sie so richtig?

Wenn Menschen verletzt werden. Mein Löwenmama-Instinkt springt an, wenn ich merke, dass in unserem Dorf jemand seine Kinder nicht mit meinen spielen lässt. Weil ich alleinerziehende Mama und noch dazu Kabarettistin bin. Wen mein Grant da trifft, sollte kurz lachen – dann aber nach- und hoffentlich auch umdenken.

Was unterscheidet Granteln von Gezicke?

Der Grant kommt direkt aus’m Bauch und ist sehr bodenständig. Echter Grant ist wie ein Feuer, das vor sich hin lodert und einen spontan übermannt. Wenn mi wos echt grantig macht, hoi i olle Heiligen oba – ohne zu überlegen. Gezicke passiert hingegen im Kopf und ist berechnend.

Wann lachen Sie?

Nach Situationen, in denen ich grantig war. Komödie ist Tragödie plus Zeit. Hinterher kann ich über alles lachen.

Wann hatten Sie Ihren letzten Lachanfall?

Mein fünfjähriger Sohn hat letztens seinen Koffer unter den ICE fallen lassen. Andere hätten geschimpft. Ich war amüsiert, weil eine Bundeswehrsoldatin dem Koffer hinterhergesprungen ist. Niemand war in Gefahr – so konnten wir die ganze Fahrt über sein Missgeschick lachen.

Wenn es „menschelt“ übermannt Eva Karl Faltermeier nicht nur oft der Grant - dann fängt sie auch an zu beobachten. Daraus sind schließlich meine Geschichten gemacht, so die Kabarettistin.
Wenn es „menschelt“ übermannt Eva Karl Faltermeier nicht nur oft der Grant - dann fängt sie auch an zu beobachten. Daraus sind schließlich meine Geschichten gemacht, so die Kabarettistin. © Ingo Pertramer

Sie sind also glücklich, wenn es nicht rundläuft?

Natürlich war ich als Mutter erst erschrocken. Aber so ist das Leben und das muss man nehmen, wie es kommt. Das gilt auch für Scheidungen. Wer Unglück auf Teufel komm raus vermeiden will, lebt bieder und uninspiriert.

Wie viel Kabarett und wie viel Eva steckt im Buch?

Zu 75 Prozent sind die Texte autobiographisch. Vor allem die über die Trennung.

Sie sind frisch geschieden. Was denken Ihre Kinder, wenn sie Ihre Texte später lesen?

A bissl Angst hob i ja. Hoffentlich besprechen sie das dann nicht mit einem Therapeuten. (lacht) Aber: Ich glaube, sie werden meinen Grant gut verstehen – immerhin ist das Buch ein Zeitdokument.

Eva Karl Faltermeier: „Leben und leben lassen“ - Granteln hilft ihr beim Verarbeiten

Sie rügen altkluge Ratschläge. Hat das nicht auch Ratgeber-Charakter?

Es sind Ratschläge, die ich geben kann, ohne zu bevormunden. Jeder sollte mit gesundem Menschenverstand und Empathie durchs Leben gehen. Überlege dir vorher, ob du mit deiner Frage jemanden verletzen könntest. Und sieh ein, dass es nicht nur einen richtigen Weg gibt.

Ist das die Moral?

Meine Geschichten sollen die Fronten klären. Der Grant schlägt die Brücke – ehrlich und direkt. Vielleicht verstehen Frauen mit Kindern dann Frauen ohne besser. Jüngere Ältere und andersherum. Und Männer natürlich Frauen im Allgemeinen. (lacht)

Das Interview mit Eva Karl Faltermeier führte Cornelia Schramm.

Auch interessant

Kommentare