Klimawandel lässt Eis verschwinden

Erschreckende Prognose für die Alpen - Experte warnt: „massive Änderungen bei der Landschaft“ drohen

Die Gletscher in den europäischen Alpen sind in den letzten Jahren massiv zurückgegangen. In Zukunft wird das Eis wohl weiter stark schmelzen – auch die bayerischen Gletscher stehen vor einer dramatischen Entwicklung.

  • Die Gletscher in den europäischen Alpen verschwinden zusehends.
  • Eine Studie verdeutlicht das Tempo - Gibt es bald gar kein Eis mehr in Bayern?
  • Die Schmelze sorgt für massive Änderungen im Hinblick auf Landschaft und Wasserabfluss.

Erlangen – Der Klimawandel schreitet voran - und die Eismassen in den europäischen Alpen verschwinden rasch: Ein Forschungsteam der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) hat erstmals die Flächen- und Höhenänderungen aller alpinen Gletscher in Frankreich, der Schweiz, Österreich und Italien über einen Zeitraum von 14 Jahren untersucht. Das Ergebnis: Rund 17 Prozent des gesamten Eisvolumens sind von 2000 bis 2014 verloren gegangen, das sind mehr als 22 Kubikkilometer.

Studie verdeutlicht: Zukunft der Gletscher in Bayern sieht nicht gut aus

Bei den fünf bayerischen Gletschern – der Nördliche und der Südliche Schneeferner auf der Zugspitze, der Höllentalferner im Wettersteingebirge, der Watzmanngletscher und das Blaueis in den Berchtesgadener Alpen – waren keine genauen Messungen möglich. „Die deutschen Gletscher sind inzwischen so klein geworden, dass sie unter die minimale Gletschergröße fallen, die realistisch aus dem All gemessen werden kann“, erklärt Christian Sommer vom Institut für Geographie an der FAU. Bereits um das Jahr 2000 waren die bayerischen Gletscher zusammen kleiner als ein Quadratkilometer. „Inzwischen ist die Fläche um circa die Hälfte geschrumpft“, sagt Sommer.

Der Große Aletschgletscher ist der größte Gletscher in den Schweizer Alpen. Er liegt im Unesco-Weltnaturerbe-Gebiet Jungfrau Aletsch – aber auch dort ist in den letzten Jahren viel Eis geschmolzen.

Für die Zukunft der bayerischen Gletscher sieht es nicht gut aus: „Wir müssen davon ausgehen, dass winzige Gletscher zu den ersten gehören, die verschwinden“, sagt Sommer. Hinzu käme die niedrige Lage: „Die niedrigen Randgebirge der Alpen unter 3000 Metern sind als Erstes vom Gletscherschwinden betroffen“, erklärt er. Wie lange es in den Alpen in Bayern noch Gletscher geben wird, sei schwer zuverlässig vorauszusagen. „Aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass um 2100 die niedrigen Alpenbereiche eisfrei sind“, sagt Sommer. „Es wird in den bayerischen Alpen massive Änderungen bei der Landschaft und im Wasserabfluss geben.“

Denn vor allem im Sommer* hätten die Schmelzwässer der Gletscher einen nicht unerheblichen Anteil am Wasserabfluss großer europäischer Flusssysteme. Die bei der Untersuchung gewonnenen Daten können eine Grundlage für weitere Modellierungen sein, um Veränderungen vorherzusagen. Für die Messungen nutzten die Forscher Daten von Radarsatelliten, um dreidimensionale Geländemodelle der Erdoberfläche zu erstellen, und optische Satellitenaufnahmen. „So hatten wir Informationen über die Höhe und über die Fläche der Gletscher“, sagt Sommer.

Wie hart der Klimawandel Bayern trifft, schilderten zu Beginn des Jahres Forscher mit einer düsteren Prognose*.

Gletscherschmelze in den Alpen: Eis geht in ganz Europa rapide zurück

Die Ergebnisse waren eindeutig: „Die Messungen haben gezeigt, dass sich die Eisschmelze auf die gesamten Alpen erstreckt“, erklärt Sommer. Die stärksten Eisverluste gab es in den Schweizer Alpen – die zugleich auch die größten Gletscherflächen haben. Bei den großen Talgletschern der Berner Alpen nahm die mittlere Eisdicke jährlich um 72 Zentimeter ab – das entspricht einem Eisvolumen von rund fünf Kubikkilometern. Beim Großen Aletschgletscher im Schweizer Wallis, dem größten Gletscher der Alpen, schmolz die Oberfläche in den unteren Lagen um mehr als fünf Meter pro Jahr. Die Forscher stellten fest, dass mittlerweile auch in höchstgelegenen Gletscherbereichen das Eis schmilzt*. Eine Ausnahme waren nur die höchsten Erhebungen der Zentralalpen.

Christian Sommer geht davon aus, dass die europäischen Alpen im Vergleich zu anderen großen Gebirgszügen wie zum Beispiel die südamerikanischen Anden relativ stark von der Gletscherschmelze betroffen sein werden. „Weil die Alpen niedriger sind, trifft der Temperaturanstieg die Gletscherflächen dort stärker“, erklärt er.

Die Untersuchungen sollen fortgesetzt werden. „Wir planen, auf Grundlage der Daten die Situation im vergangenen Jahrhundert zu rekonstruieren“, kündigt Sommer an. Das Schmelzen der Gletscher schreitet auf der gesamten Erde voran und hat schwerwiegende Konsequenzen für Natur und Mensch: Ins Meer fließende geschmolzene Eismassen sorgen für einen Anstieg des Meeresspiegels - und dies wiederum bedroht Millionen von Bewohnern von Küstenregionen.

Experten tätigten diesbezüglich kürzlich eine alarmierende Einschätzung. Alarm auch in Norditalien im August 2020: Ein Teil eines Gletschers unterhalb des Mont Blanc drohte einzustürzen. Einheimische und Touristen wurden aus der Gefahrenzone gebracht.

Im Südpolarmeer haben Forscher ein großes Methan-Leck entdeckt. Sollte die ausgestoßene Gasmenge ansteigen, befürchten Wissenschaftler weitreichende Folgen.

*Merkur.de ist ein Angebot des Ippen Digital Netzwerks

Rubriklistenbild: © dpa/Christian Sommer

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