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62.000 Kita-Plätze fehlen in Bayern - und die Situation könnte sich weiter zuspitzen

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Von: Tina Schneider-Rading

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Eine Erzieherin sitzt mit Kindern in der Kita und blättert in Bilderbüchern
Bildung läuft über Beziehungsarbeit In vielen Kindergärten wechseln die Bezugspersonen aber oft, weil Personal fehlt. © Waltraud Grubitzsch

Damit Eltern rasch wieder arbeiten gehen können, haben sie einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz, sobald ihr Kind ein Jahr alt ist. Theoretisch. Aktuell zeichnet die Bertelsmann Stiftung ein düsteres Bild – auch für Bayern. Rund 62 000 Kita-Plätze fehlen, auch weil es im Freistaat viel zu wenig ausgebildete Erzieher gibt.

Sozialministerin Ulrike Scharf (CSU) hatte Ende August bereits versucht, den Mangel mit einem befristeten Modellprojekt abzufedern – und damit Empörung auf Seiten der Erzieher ausgelöst. Seit September können durch eine Klausel im Bayerischen  Kinderbildungs- und -betreuungsgesetz (BayKiBiG) mehr Kinder in einer Gruppe untergebracht werden. In den sogenannten Einstiegsgruppen können Kinder bis vier Jahre außerdem auch von Personal betreut werden, das keine Erzieher-Ausbildung hat.

Das Fachpersonal ächzt trotz Scharfs Neuerungen unter der Belastung. Auch weil der Branche ohnehin der Nachwuchs ausgeht: „Früher hatten wir sechs Bewerbungen auf eine Erzieherstelle, jetzt haben wir viele Ausschreibungen und wenig Interessenten“, sagt Lisa Pfeiffer vom Landesverband der Kita-Fachkräfte. „Wir müssen einfach nehmen, was wir bekommen.“ Angebote in den Kitas würden längst eingeschränkt, Ausbildungsschwerpunkte wie Naturpädagogik könnten kaum mehr berücksichtig werden.

„Das Limit ist erreicht“, sagt Pfeiffer. Sie arbeitet selbst als Erzieherin und zweite Vorsitzende des Verbands für Kita-Fachkräfte in Bayern. Auch in ihrer Einrichtung fällt Personal aus, die übrigen Kolleginnen sind dann zusätzlich eingespannt. „In vielen Einrichtungen treten durch die Belastung gehäuft psychische Probleme auf, man ist unter Stress generell anfälliger für Krankheiten. Und die Kinder haben ständig wechselnde Bezugspersonen. Es ist eine Zumutung!“ Auch wenn der Betreuungsschlüssel etwas anderes suggeriere: In der Regel seien eine Fachkraft und eine Ergänzungskraft für 25 Kinder zwischen drei und sechs Jahren verantwortlich, oft von 7 bis 17 Uhr. „Das passt hinten und vorne nicht.“

Scharf setzt weiter auf ihre „effektive Gewinnung von Fachkräften“ und will Quer- und Neueinsteigern den Start ins Berufsleben auch mit kürzeren Ausbildungszeiten erleichtern. Lisa Pfeiffer reagiert bestürzt: „Geringer qualifiziertes Personal bedeutet für uns erst einmal mehr Arbeitsaufwand.“ Sie sieht außerdem große Abstriche bei der Qualität: „Mangelndes Fachwissen heißt rasche Überforderung und schneller Ausstieg aus dem Beruf.“ Viele schlechter ausgebildete Kräfte verließen das Berufsfeld bereits nach fünf Jahren, damit sei keinem geholfen.

„Die Staatsregierung muss in die Kitas investieren, statt zu experimentieren!“, fordert auch Johannes Becher, Sprecher für frühkindliche Bildung der Landtags-Grünen. Laut Bertelsmann Stiftung würde ein kindgerechter Personalschlüssel rund 1,5 Milliarden Euro im Jahr kosten. Das Kita-Qualitätsgesetz sieht vor, dass der Bund 2023 und 2024 je bis zu zwei Milliarden Euro für die frühkindliche Bildung in allen Ländern bereitstellt. Bayern, rät die Stiftung, solle das Geld vor allem in mehr Personal investieren.

„Kinder sind unser größtes Gut. Der Staat hat dafür Sorge zu tragen, dass sie gut aufgehoben sind“, mahnt auch Pfeiffer. Kathrin Bock-Famulla, Expertin der Bertelsmann-Stiftung, ermuntert zu Gesprächen: „Die Politik muss gemeinsam mit der Praxis und auch mit den Eltern die Frage beantworten: Worauf kann verzichtet werden, ohne das Recht der Kinder auf Bildung und gutes Aufwachsen zu verletzen?“ Und auch Lisa Pfeiffer nimmt die Eltern verstärkt in die Pflicht: „Sie müssen ihre Ansprüche bei der Politik einfordern. Das sind Wählerstimmen! Sie haben es in der Hand.“

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