Flüchtlinge berichten von ihrem Alltag

Von netten Chefs und einsamen Momenten

Said Jawad Quasemi, Fawad Mohamad Alim und Hanshi Abdinasir Ahmed leben in einer Flüchtlingsunterkunft in Oberhaching (von links nach rechts).

Derzeit leben 175 Flüchtlinge in den festen Unterkünften an vier Standorten des Gemeindegebietes Oberhaching. Viele Bürger fragen sich, was die Asylsuchenden „eigentlich den ganzen Tag machen, wie ihr Leben so aussieht.“ Fawad Mohamad Alim und Hanshi Abdinasir Ahmed berichten in HALLO von ihrem Alltag.

Bürgermeister Stefan Schelle, die Caritas und die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Helferkreises in Oberhaching sind laut eigenen Angaben sehr zufrieden mit „ihren“ Flüchtlingen. Dennoch haben sie öfter von Bürgern die Frage gehört, was die Flüchtlinge „eigentlich den ganzen Tag machen, wie ihr Leben so aussieht“? Die 175 jungen Männer, die derzeit in Oberhaching untergekommen sind, leben zu sechst beziehungsweise zu acht in Wohnungen, ähnlich einer Studenten-WG. Unter ihnen sind der Afghane Fawad Mohamad Alim und Hanshi Abdinasir Ahmed aus Somalia.

Den Bewohnern stünde nur wenig Raum für Privatsphäre zur Verfügung und schon aufgrund dieses Umstandes komme es immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten, weiß die Vorsitzende des Helferkreises Asyl, Isabell Trapp. Dass es dennoch im Großen und Ganzen nahezu reibungslos klappt, dafür sorgen der Helferkreis und die Mitarbeiter der Caritas. So soll eine Hausordnung helfen, das Zusammenleben erträglicher und sicherer zu gestalten. Alkohol und Drogen sind genauso verboten wie Schlägereien. Ab 22 Uhr muss Ruhe einkehren. „Alle müssen sich an die Regeln halten“, versichert Trapp. „Wer dagegen verstößt, wird zunächst abgemahnt oder im schlimmsten Fall verlegt.“ Das seien jedoch die Ausnahmen. Rund 165 Männer aus den Oberhachinger Flüchtlingsunterkünften gehen Trapp zufolge mittlerweile einer Beschäftigung nach. Sie absolvieren Praktika, machen eine Ausbildung oder sind sogar fest angestellt, wie zum Beispiel Hanshi Abdinasir Ahmed. Er ist 23 Jahre alt und mit dem Boot über Italien aus Somalia gekommen. Seine Frau und seine Kinder habe er zurücklassen müssen. „Ich habe meine Familie verlassen, um ihnen in Deutschland eine Zukunft geben zu können“, sagt er. „Ich wünsche mir für meine Kinder Sicherheit – eine Möglichkeit zu überleben.“ Somalia ist einer der afrikanischen Staaten, die Kindersoldaten rekrutieren.

Ahmed arbeitet als Hausmeister bei einer Reinigungsfirma in Oberwiesenfeld. Morgens um 4 Uhr steht er auf, um die erste Bahn zu bekommen. Nach der Arbeit besucht er den Integrations- oder Deutschkurs. Jeden Monat schickt er Geld nach Hause, was ihn mit Stolz erfüllt. Die Arbeit lenkt ihn vom Kummer, von seiner Familie getrennt zu sein, ab. „Ob und wann ich sie wiedersehen kann, kann mir niemand sagen“, meint er traurig. Trotz der Einsamkeit gefalle es ihm in Deutschland aber gut. „Ich bin erstaunt über die netten Polizisten hier! Ich fürchte mich nicht vor ihnen“, beschreibt er die, für ihn vollkommen neue, Situation.

Auch Mohammed Zarzorie bestätigt das neue Lebensgefühl. „Meine Chefs sind alle so nett! Die gehen sogar mit mir essen“, staunt er. Der 29-jährige Syrer ist studierter Maschinenbauer und arbeitete in seiner Heimatstadt Lattakia als Universitätsdozent. Seit einem Jahr ist er in Deutschland und spricht ganz hervorragend Deutsch.

Es sind die flachen Hierarchien im Berufsleben, in der Gesellschaft und in den Familien, die die meisten Geflüchteten positiv wahrnehmen. „Zuhause muss ich machen, was meine Eltern sagen. Wir in Afghanistan haben sehr viel Respekt vor unseren Eltern“, sagt auch Fawad Mohamad Alim, der Mitbewohner Zarzories. Auch daran, dass in Deutschland die meisten Frauen berufstätig sind und „was zu sagen haben“, mussten sich die jungen Männer erst gewöhnen.

Der 21-jährige Fawad ist zu Fuß aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. „In Afghanistan gibt es eine deutsche Schule und ein deutsches Krankenhaus. Die Menschen dort waren sehr nett und freundlich“, gibt er als Grund dafür an, warum er ausgerechnet nach Deutschland gekommen ist. Auch er hat in diesem einen Jahr sehr gut Deutsch gelernt, ist Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr und absolviert bei der Thomas Markl GmbH in Oberhaching eine Ausbildung zum Feinwerkmechaniker.

Doch auch wenn das Leben der Flüchtlinge mit Arbeit, Integrations- und Deutschkursen ähnlich ausgefüllt ist wie das der Oberhachinger, sind sie „am Ort noch nicht so richtig integriert“, bedauert Isabell Trapp. Bei sich zuhause hätten sie einerseits gehorchen müssen, andererseits fühlten sie sich in dem starken Familienverbund aufgehoben. In Deutschland seien sie zwar sicher, wirkten aber oft einsam, verloren und orientierungslos. Die nach außen hin so coolen jungen Männer, glaubt Trapp daher, „vermissen einfach ihre Familien und hoffen auf ein baldiges Wiedersehen!“

Anja Sanhüter

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