40 Jahre Wiesn-Geschichte(n) exklusiv: Der Münchner Fotograf Heinz Gebhardt (63) im großen Hallo-Portrait
Er ist das Auge der Wiesn: Der Münchner Fotograf Heinz Gebhardt begleitet das Oktoberfest seit über 40 Jahren. 1967 erlebte er als 19-Jähriger sein erstes Anzapfen, seitdem hat er kaum eines verpasst. „Ich hatte viel Glück und war oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort, als Münchner Geschichte geschrieben wurde“, sagt der 63-Jährige, der rund 150 000 Aufnahmen vom größten Volksfest der Welt hat. Doch hinter manchen Bildern steckt auch viel Arbeit und Geduld. „Manchmal muss man das selbe Motiv wiederholen, wiederholen, wiederholen – bis die Stimmung und die Lichtverhältnisse stimmen“, erklärt der gebürtige Münchner, der seine Ausbildung an der Bayerischen Staatslehranstalt für Fotografie machte. Für unser Seitenfoto, die Oktoberfestübersicht mit den Bergen im Hintergrund, musste der Fotograf immer wieder auf den Turm der Paulskirche steigen – bis das Wetter endlich mitspielte. „So einen Föhntag gibt es im September nur einmal in zehn Jahren.“ In Hallo München erzählt der Fotograf seine schönsten Wiesn-Geschichten – ausnahmsweise nicht nur in Bildern. Maren Kowitz
Auslöser: Rechtzeitig abdrücken! Ich habe Günther Steinberg 1983 überrascht, wie ihm das Bier ausgegangen ist und er sich nachts ein Fass aus dem Armbrustschützenzelt geliehen hat – als der Wirt das Fass ins Hofbräuzelt rollen wollte, ist die Leiter gebrochen (Foto). So ein Bild kriegt man nur einmal geschenkt.
Bavaria: Wurde während des Oktoberfestes 1850 enthüllt – über ihre Errichtung entstand übrigens die erste Foto-Reportage der Welt.
Chronist: Ich empfinde mich als Chronist, denn gerade die Wiesn ist ein Fluss an Geschichte und Zeit. Ewig hat hier nichts Bestand. Das konnte ich mit meinen Bildern einfangen.
Deckmantel: Beim Prozess gegen Richard Süßmeier hatte ich meine Kamera unter der Jacke versteckt. Und bei der ersten Wallfahrt von Willy Heide und den Wiesn-Wirten nach Maria Eich habe ich mich erst im Gebüsch versteckt.
Einzug: Der Wirteeinzug gehört dazu. Die Kellnerinnen auf dem Wagen bekommt man sonst nirgendwo – allerdings muss man sich zwischen Einzug und einer guten Position beim Anzapfen entscheiden.
Finanzen: 1970 habe ich ein Foto gemacht, wie die Geldsäcke von der Fischer-Vroni mit den Schubkarren zur Bank gefahren wurden.
Georg Kronawitter: Er hat 1973 angezapft – in einen Krug mit einem großen Sprung, aus dem das Bier rausgelaufen ist (Foto). Nach dem Anzapfen stand der kaputte, historische Krug so verloren rum, da hab ich ihn mitgenommen. Heute steht er im Stadtmuseum. Das war mein einziger Krug-Diebstahl.
Hacker-Festzelt: Ich sage immer, das Zelt wurde nur für die Fotografen gebaut. Es ist vom Licht her das Hellste und mit dem Himmel der Bayern das meist fotografierte Zelt. Die gemalte München-Silhouette ist ganz toll gemacht.
Idee: Willy Heide hatte eine Wahnsinnsidee – eine Knochen-Zerkleinerungsmaschine für die ganzen Hendl-Knochen. Die hatte er aber nur eine Saison lang...
Jubiläumswiesn: mochte ich, weil sie nicht überzogen war – vieles war improvisiert, gemütlich. Das ist die Handschrift von Frau Dr. Weishäupl.
Kiesl: Nicht nur der OB, der „O’batzt is’!“ sagte, sondern auch derjenige, der sich 1980 vom Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß das Recht auf die erste Maß abluchsen ließ.
Lieblingsbild: Bodo Müller hat versucht, auf der Wiesn die Milch-Hoibe einzuführen. Gabriele Weishäupl und Wirte-Sprecher Willy Heide mussten probieren (Foto). Das ist auch das Lieblingsbild von Frau Weishäupl.
Motive: Man muss die Stimmung einfangen – auch für jemanden, der nicht dabei ist. Wenn man betrunken auf der Bierbank feiert, ist alles schön –aber das hält sich nicht bis zur Ernüchterung. Als Fotograf muss man’s machen wie ein Wiesn-Wirt – während der Arbeit nichts trinken.
Napoleon:Die irrste Geschichte war schon die von Richard Süßmeier. Wie er den Peter Gauweiler imitiert hat, war zum Brüllen. Doch dann kam die Quittung: Ich war in seinem Büro, als er den Brief bekommen hat, dass er von der Wiesn fliegt (Foto).
O'zapft is': Das hat Thomas Wimmer erfunden und bis zu seinem Tod gemacht. Damit wollte er den Münchnern zeigen, euer Oberbürgermeister krempelt die Arme hoch! Davor wäre weder ein Wirt noch ein Politiker auf die Idee gekommen, ein Fass anzuzapfen – das war die niederste Arbeit in der Wirtschaft, für einen Schankkellner.
Paulskirche: Ich kenne den Mesner von jeder Kirche Münchens. Bei St. Paul ist das besonders wichtig, denn von da hat man den schönsten Blick auf das bunte Treiben vor dem Riesenrad.
Querformat: Das ewige Problem mit den Zeitungen. Der verantwortliche Redakteur ruft an und fragt: „Hast’ schon ein Bild?“. Sagt man dann „Ich hab’ noch gar nichts“, ist meist die Antwort: „Macht nix – is’ es hoch oder quer?“...
Riesenrad: Riesenrad fahren muss ich jede Wiesn – am besten mehrmals. Man weiß vorher nie, wann die Lichtverhältnisse perfekt sind! Also trinkt man halt a Maß und fährt dann eine Stunde später nochmal. Aufgeben darf man nie.
Schnappschuss: Eine meiner Lieblingskuriositäten habe ich mal im Weinzelt ablichten können: Dort hat jemand zentnerweise Zwiebeln für den Zwiebelkuchen geschnitten –mit einer Gasmaske (Foto).
Tracht: Das Haus der Bayerischen Geschichte hat 2010 eine Ausstellung gemacht – über witzige und kuriose Phantasietrachten auf der Wiesn, die ein Teil der Geschichte wurden. Dafür haben sie viele meiner Fotos verwendet. Der Trend wird vergehen, und dann wird man über die Fotos froh sein. .
Ude: Der OB war bei seinem ersten Anzapfen 1992 so nervös, dass er einen Schlag daneben gesetzt und sich auf die Hand gehauen hat.
Vogel: Sein letztes Anzapfen 1971 war die reine Katastrophe. Der Stöpsel flog oben raus – und eine Riesen-Schaumfontäne spritzte auf alle Umstehenden. Die Fotografen konnten nicht weiterfotografieren, weil die Kameras voller Bierschaum waren.
Wetter: Ich habe Bilder vom Standlkonzert, auf dem man nur Regenschirme sieht. Oder ein Panorama, das sich in einer Pfütze spiegelt. Was ganz Besonderes sind auch die Bilder, als es am letzten Wiesnsonntag 1996 geschneit hat.
X-mal war ich jetzt beim Anzapfen dabei – genauer gesagt 40 Mal. 1967 waren wir fünf Fotografen, dazu noch der Michael Stiegler vom Radio. In den 80er-Jahren wurden es so viele Journalisten, dass die Tribüne mal zusammenbrach.
Yellow Press: Zu meinen Anfangszeiten gingen die Prominenten noch völlig unbehelligt über die Wiesn: Gunter Sachs, Roman Polanski, Placido Domingo und Gerd Fröbe. Paul Bocuse hat mir in der Ochsenbraterei verraten, dass das beste Fleisch aus der Zwerchfellrippe kommt.
Zu Bruch ging 1986 meine Kamera. Ich stand vor der Bavaria und habe das Treiben fotografiert. Einer wollte mir die Kamera wegreißen, aber ich hatte den Riemen um, und aus Frust hat er mir die Kamera gegen den Kopf gehauen – ich hatte eine schlimme Platzwunde.
Die Kamera immer schussbereit: Heinz Gebhardt hält seit 40 Jahren München in Bildern fest.
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